Unsere Andachten

Einkehr an der Krippe

Online-Andacht 17.01.2022

Am 6. Januar 2022 war ich zu einem Besinnungstag zum Thema „Stille an der Krippe“. Meine Tochter hatte mich freundlicherweise dazu eingeladen und wir wurden angeregt uns im Betrachten einer wunderschönen und sehr ausdrucksvoll geschnitzten Holzkrippe unsere Gedanken zu machen und uns von Gott inspirieren zu lassen. Nach einer kurzen Zeit des Ankommens und Durchatmens auf meinem Zimmer begab ich mich in den sakralen Raum mit der Krippenszene. Die Schafe waren in einer bestimmten Weise angeordnet.

Mein Blick fiel sofort auf ein Schaf, dass sich von der Krippe wegbewegte. Es hatte schone eine Strecke Wegs hinter sich gebracht und dem Anschein nach nicht zurückgeblickt. Die Gedanken über die drei Schafe an der Krippe möchte ich mit euch und Ihnen teilen.

Die drei Schafe

Eines geht weg. Es kann dem Ganzen nichts abgewinnen. Es ist trotzig und enttäuscht. Ein Kind, Stroh, Windeln! „Das soll alles sein? Nein, das reicht mir nicht zur Freude und gibt mir nichts.“

Das Schaf ist nicht mehr zurückzuholen. Es ist im Sichtbaren, in dem mit den Sinnen Wahrnehmbaren verhaftet. Es ist leicht verführbar und wird seinen Wolf finden.

Eines kauert andächtig und geborgen vor der Krippe. Es ist entspannt, zutraulich, zufrieden. Dieser Ort ist ein guter Ort.

Eines steht ganz nah am Gesicht Jesu. Es betrachtet sein Antlitz. Es wacht. Es geht voran. Es übernimmt Verantwortung.

So wie die Schafe sich zur Krippe stellen, war mein Eindruck, entspricht es unserer Stellung zum Glauben, zur Gemeinde, zu Jesus. Wo findest du dich wieder, vielleicht in wechselnden Rollen?

Diakon Markus Holtz, Jugendmitarbeiter Andreaskirchgemeinde


Die zu mir Kommenden werde ich nicht hinauswerfen.

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Freunde des Evangelischen Schulzentrums,

im Winter 2020 war ich mit zwei Kindern im Zittauer Gebirge wandern. Eigentlich wollten wir rodeln. Aber dafür war im Tal zu wenig Schnee. Also wanderten wir. Unser Ziel war der Hochwald, einer der höchsten Berge im Zittauer Gebirge, direkt an der deutsch-tschechischen Grenze. Oben auf dem Hochwald lag Schnee und es war ziemlich kalt. Auf dem Gipfel gibt es eine Baude. Ich hoffte, dass sie offen ist. Sie war offen. Drinnen fanden wir noch drei Plätze an einem großen Holztisch. Es war sehr eng, aber urgemütlich. Die warme Suppe schmeckte vorzüglich. Das war, als wir uns noch nicht vorstellen konnten, dass eine Pandemie solche Erlebnisse kaum noch möglich macht. Kaum auszudenken, wie wir uns gefühlt hätten, wenn wir abgewiesen worden wären.

Die Jahreslosung für das neue Jahr heißt:

„Jesus Christus spricht: ‚Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.‘“ (Joh 6,37b) oder

„Jesus Christus spricht: ‚Die zu mir Kommenden werde ich nicht hinauswerfen.‘“

Bei dem Wort hinauswerfen muss ich an das Bild von Kees de Kort zum Gleichnis Vom verlorenen Sohn denken, auf welchem der Junge von dem Wirt hinausgeworfen wurde, weil er die Zeche für sich und seine Freunde nicht mehr bezahlen konnte.

Ich denke an die aktuellen Abweisungserfahrungen, wenn man beim Einkaufen oder Gottesdienstbesuch nicht die nötigen Ausweise dabei hat. Unweigerlich kommen mir jedoch auch die Bilder vor Augen, in denen unzählig viele Flüchtlinge in Camps hausen oder in Booten ausharren und sich nach einem sicheren Aufenthaltsort sehnen.

Wer ist gemeint, wenn Jesus sagt: „Wer zu mir kommt, …“? In den Briefen des Apostel Paulus verschwimmt zum Teil Jesus Christus mit dem, was wir Kirche nennen. Wenn dem so ist, wenn wir als Kirche weiterbauen sollen, was Jesus angefangen hat, sind mit dem „zu mir“ auch wir Christen gemeint. Dann dürfen wir nicht abweisen oder hinauswerfen. Dann ist die Jahreslosung einmal mehr ein Auftrag an uns, offen zu sein für alle, die kommen und um Aufenthalt bitten.

Im Johannesevangelium, aus welchem die Jahreslosung stammt, lesen wir von allerlei Menschen, die zu Jesus gekommen waren und nicht abgewiesen wurden, z.B.

- von einem königlichen Beamten, also einem Römer, der Jesus um seinen sterbenskranken Sohn bat (Joh 4,46ff),

- von der Samariterin, welche zufällig zu Jesus kam, weil er an dem Brunnen lehnte, aus dem die Frau Wasser schöpfen wollte (Joh 4,1ff),

- von Nikodemus, dem Pharisäer, einem Oberen der Juden, der heimlich in der Nacht zu Jesus kam, damit ihn niemand sehen konnte. Große Fragen trieben ihn um. (Joh 3) oder

- von Maria, die mit einem Pfund teurem Öl Jesus die Füße salbte und das in einer Runde mit ausschließlich Männern, die sich über sie empörten (Joh 12),

- aber auch von mehreren tausend Menschen, die Hunger hatten und von Jesus gesättigt wurden (Joh 6).

Keine und keiner ist so wieder gegangen, wie sie gekommen waren.

Jedes Mal gab es tiefgründige Gespräche. Die Begegnung mit Jesus verändert Menschen.

Doch wie können wir heute zu Jesus kommen? So wie vor 2000 Jahren geht das ja nicht mehr. Und genauso hat es Jesus mit Sicherheit auch nicht gemeint. In den Versen vor und nach unserer Jahreslosung lesen wir, wie sich Jesus abmühte, den Menschen zu erklären, was es heißt, dass er das Brot des Lebens ist, das wirklich satt macht. Da spricht er auch nicht von dem Brot, welches wir täglich essen.

Ich habe den Eindruck, dass diese Jahreslosung uns besonders inmitten der anhaltenden unsäglichen Pandemie wichtig werden kann. Zu Jesus kommen bedeutet nämlich auch nicht nur „In einen Gottesdienst gehen“. Ich glaube, zu Jesus kommen kann ich vor allem ganz allein und in großer Stille. Dazu reicht ein stiller Ort, wenn möglich eine Kerze, Ruhe, Zeit und der Wille, wirklich zu Jesus zu kommen. Ich darf voller Erwartung und gespannt sein. Ich darf große, schwierige und herausfordernde Fragen haben, auch welche, die provozieren und anklagen. Ich darf aber nicht mit einfachen Antworten rechnen. Ich kann ein Bild mitnehmen oder auch einen kurzen Text oder eine biblische Geschichte, z.B. die von den Begegnungen mit Jesus im Johannesevangelium (siehe oben). Ich kann den Bildern nachspüren und den Texten oder Erzählungen nachhören. Es gibt nicht die richtige Deutung. Die Wahrheit oder die Deutung der biblischen Erzählungen hat keine Grenzen. Ich kann kurz oder auch ganz lange darüber nachdenken und dann --- vielleicht --- komme ich Jesus ganz nah. Menschen, die stilleerfahren sind, sagen, dass das Zu-Jesus-Kommen Übung braucht. Ich habe den Eindruck, dass die Pandemie ein Anlass ist, das Zu-Jesus-Kommen wieder mehr zu üben. Wollen wir es versuchen?

Susanne Stief, Schulbeauftragte des Kirchenbezirks Leipzig


Aus der Schreibwerkstatt des Matthäus